Gastbeitrag zu „In unserem Namen“ im Maxim-Gorki-Theater

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Folgender Beitrag stammt von Hon‘, mit dem ich das Stück „In unserem Namen“ am Samstag im Maxim-Gorki-Theater sah. Ein subjektiver Bericht. Danke!

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In unserem Namen

Textfassung von Sebastian Nübling, Ludwig Haugk, Julia Pustet

Unter Verwendung von Aischylos‚ Die Schutzflehenden, Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen, der 42. Sitzung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages sowie Originalbeiträgen der Schauspieler*innen

Die Einführung/Vorbetrachtung, die uns im Foyer des Maxim-Gorki-Theaters gereicht wurde war noch leichtverdaulich.

Die dann folgenden Sicherheitshinweise (keine Photos, keine Getränke, keine Mobilfunktelefone) wurden überraschend von einer mentalen Bedienungsanleitung für das Stück unterbrochen. Recht launig wurden verschiedenste Schutzstrategien für den Umgang mit der auf uns zukommenden Thematik angeraten. Bei den Punkten Rationalisierung und Zynismus/Sarkasmus machte sich ein schuldbewusstes “Sich erwischt fühlen” breit.

Während wir über die Treppe der Aufführung zustrebten, rätselten wir über die Aufforderung, sich der Jacken und Taschen zu entledigen, verbunden  mit dem Hinweis auf die “Zuschauersituation”, die uns überall auf Hinweisschildern entgegenprangte.  Dunkle Ahnungen beschlichen mich; ein unbequemer Abend könnte bevorstehen. Dank gewissenhaft eingeübter Vorurteile das zeitgenössische Theater betreffend, rechnete ich mindestens mit sekretbewurfbewährter Zuschauerinteraktion.

Die Bestuhlung war aus dem Saal entfernt worden und so verteilten wir Zuschauer uns auf dem Boden bzw. einem treppenartigen Gebilde, das den Sitzreihen eines Amphitheaters glich. Wir ergatterten dort einen Sitzplatz und ich hatte das Glück die Holde in meinem Schoss bergen zu können.

Unvermittelt erhoben  sich mitten aus dem Publikum ein babylonisches Sprachengewirr. Die unter uns unerkannt weilenden Darsteller deklamierten die tragische Freude zwar am Leben zu sein, doch außer ihm nichts weiter behalten zu haben. Es wurde deutlich, dass die Geflohenen tatsächlich unter uns weilen. Sonst gut Nachvollziehbares, wie der Schmerz alles verloren zu haben, wurde durch fremde Sprache fast befremdlich. Ein starkes Bild zum Auftakt.

Interessant wie der Chor der griechischen Tragödie Aischylos’ mit den, zuweilen zäh, wortspielenden Texten der Jelinek verschränkt wurde.

Doch da entspann Unbehagen in mir, nicht nur ob des gehörten Schrecklichen. Ich gebe zu,  dass manch Überdeutliches, ja Tendenziöses, in mir eine ungute Melange mit der von mir empfundenen Anmaßung Jelineks, der Geflohenen Stimme sein zu wollen, einging.

Es fühlte sich ein wenig wie Brecht in Neonfarben an.

Beindruckend begreiflich wurde uns die ständige Unruhe und das an keinem ruhigen Platz Verweilen können vergegenwärtigt. Ständig gliederten die Schauspieler den Raum neu. Sie bewegten sich durch die Zuschauer, zwangen sie sich zu bewegen in dem sie sich Gassen bahnten oder an der Wand entlang gingen, die dort Sitzenden in Bewegung haltend. Doch auch die akustische Raumgliederung war unstet. Es wurde gesungen, gesprochen, geflüstert, geschrien, gelacht und geklagt. Alles von den angenehm deutlich akzentuierten Stimmen der Darsteller sicher getragen. Für mich war dies ein überragender Teil der Inszenierung.

Der zweite Aufzug nahm sich einer Sachverständigenanhörung im Bundestag zum novellierten Asylgesetz an. Beklemmend wurde uns die kafkaeske Komplexität dieses Themas vor Augen geführt. Mikrophone, an ineinander verkeilten Ständern montiert, wurden genutzt um zum Teil dadaistisch anmutende Sprachgebilde zu verstärken, die in scharfen Kontrast zu präzisen Fachmonologen von z.B. einem Leiter der Ausländerbehörde oder einem Richter standen. Es wurde überdeutlich, daß auch diese Seite, fast bin ich versucht auch von Betroffenen zu schreiben, von der Situation vollkommen überfordert ist.

Kalt überlief es mich bei der so Nahe gebrachten Erkenntnis das vieles ungehört, da unverstanden, aber dennoch entschieden wird.

Dieser Teil wurde live gefilmt und auf Videoscreens übertragen. Das mutete mir ein wenig angestrengt multimedial an, hatte aber den Effekt, dass die anzugtragenden Darsteller dort wie einer amerikanischen Anwaltsserie entsprungen schienen.

Hatte dies trotz aller tragischen Symbolik schon einen leichten Slapstick-Charakter, so brach sich im schwachen 3. Aufzug die Lust an überdrehter Gesinnungsgroteske leider unverhohlen ihre Bahn.

Es wurden eindimensionale Abziehbilder ‘besorgter Bürger’ mittels echter (sic!) Zuschriften vor- und eingeführt, die an Klischeehaftigkeit nicht mehr zu unterbieten waren.

Diese doch recht auftrumpfende Selbstgewißheitsbekundung hat dieses Stück aus meiner Sicht nicht nötig. Gelungen fand ich den  Schlußakt. Unvermittelt begannen die großartigen Schauspieler an ihren jeweiligen Positionen den Umstehenden und -sitzenden ihre Fluchtgeschichte zu erzählen, lösten sich somit aus der anonymisierenden Gruppenidentität “Flüchtling” heraus und wurden wieder zu realen Persönlichkeiten.

Kein Schlussakkord, kein “wir sehen, betroffen, den Vorhang zu” – aber viele Anknüpfungspunkte zum Gespräch waren nun offen.

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